Da ich Linux 2.6.30-rc2, -rc3 und -rc4 verpasst habe, lege ich hier ausnahmsweise mal den Kernel-Rückblick auf. Dieser ist, neben vielen anderen, in der aktuellen Ausgabe von freiesMagazin enthalten.
Den Kernel 2.6.29 mitsamt dem Aushilfsmaskottchen Tuz entließ Torvalds noch Ende März in die Freiheit, zwei Nebenversionen dafür wurden zwischenzeitlich nachgereicht, die zahlreiche, teilweise sicherheitskritische Fehlerkorrekturen enthielten [1] [2].
Daneben konnte die Entwicklung des Nachfolgers anlaufen. Der Zeitraum, in welchem Neuerungen aufgenommen werden, ist geschlossen und somit kann abgeschätzt werden, was der nächste Linux-Kernel bringt. Dazu zählen wieder zwei neue Dateisysteme, NILFS2 [3] und EXOFS. Letzteres zielt auf die Nutzung der auf SCSI aufbauenden OSD-Technologie (Open Storage Device) [4], einer Gattung von Speichergeräten, die nicht blockorientiert arbeiten sondern objektorientiert und dadurch die Details der Datenspeicherung vor dem Betriebssystem verbergen und es somit entlasten. NILFS dagegen ist die Umsetzung eines Log-strukturierten Dateisystems, was bedeutet, dass Daten immer sequentiell an die zuletzt geschriebenen Daten angehängt werden. Gelöscht oder überschrieben werden Daten erst, wenn auf dem Datenträger kein Platz mehr verfügbar ist. Dadurch ist eine schnelle Systemwiederherstellung nach Abstürzen möglich, auch Schnappschüsse des Datenträgers im laufenden Betrieb und Versionierung gehören zum Repertoire. Dies erkauft man sich jedoch mit einer gegenüber herkömmlichen Dateisystemen geringeren Leistung.
Das während der Entwicklung von 2.6.29 etwas ins Straucheln geratene Ext4 bekam von Ted T'so wie versprochen einige Änderungen spendiert, die das Problem um Allocate-on-flush (siehe "Ein Tuz für den Kernel", freiesMagazin 04/2009 [5]) und die damit verbundenen Datenverluste nach Systemabstürzen entschärfen sollen. In die gleiche Kerben schlagen auch einige Änderungen für den weit verbreiteten Vorgänger Ext3, der von der gleichen Technik des verzögerten Schreibens auf den Datenträger Gebrauch macht, jedoch weniger exzessiv.
Mit Fastboot soll der Startvorgang abermals beschleunigt werden. Während bislang der Kernel Zwangspausen einlegte, um ein Speichergerät nach dem anderen zu suchen, so soll er nun mit dem Starten fortfahren, während er gleichzeitig Prüfungen durchführt und dadurch ein großes Maß an Zeit einsparen kann. Ebenfalls im Bereich der Optimierung anzusiedeln ist die Unterstützung für LZMA/BZIP2-Komprimierung des Kernels. Mit deren Einsatz soll der Speicherbedarf des Linux-Kernels um zehn Prozent beim Einsatz von BZIP2 und sogar über 30 Prozent mit LZMA gegenüber dem aktuell genutzten GZIP reduziert werden. Insbesondere beim Einsatz in Mobilgeräten und Embedded-Systemen kann die Größe des Kernels und seiner Komponenten ein wichtiger Faktor sein.
Natürlich fanden auch wieder viele neue Treiber Eingang in den Kernel, darunter viele Netzwerk-, Grafik- und Multimedia-Treiber. So wird Intels IGD-Chipsatz künftig unterstützt, ebenso ATIs R6xx/R7xx-Chips, die in Radeon-Karten zum Einsatz kommen. Atheros AR9170-Geräte, die USB-WLAN-Adapter at76c503/at76c505/at76c505a von Atmel und Prism54-SPI-Chipsätze, die in Nokias N800/N810 zu finden sind, stellen nur einen kleinen Ausschnitt der fortan unterstützen Netzwerkhardware dar. Daneben wurden bestehende Treiber verbessert, wie z.B. Mesh-Funktionen für den Atheros-Treiber ath9k und Ralinks rt2x00. Letzterer bekam auch noch Funktionen zum energiesparenden Betrieb verpasst. Auch aus Kroah-Hartmans staging-Zweig konnten wieder Treiber übernommen werden, darunter rt3070 für einen weiteren WLAN-Chip von Ralink und diverse USB-Seriell-Adapter von Aten und Quatech.
Lebenszeichen konnte man auch wieder von ReiserFS vernehmen [6]. Seitdem der Erschaffer und Namensgeber des Dateisystems, Hans Reiser, wegen Mordes an seiner Frau eine Haftstrafe verbüßt, wird dieses kaum gepflegt sondern gerade genug getan, um es an neue Kernel anzupassen. Zumindest dachte Jeff Mahoney von Novell dies, als er einige Änderungen zum ausgiebigen Testen in den Kernel aufnehmen wollte. Da stellte sich dann heraus, dass intensiv an der Beseitigung des Big Kernel Lock (siehe "Kernel-Rückblick", freiesMagazin 06/2008 [7]) in ReiserFS gearbeitet wird. Dabei gelang es, dem Dateisystem diese Locking-Technik, von der es ausgiebig Gebrauch machte, vollständig auszutreiben.
Zum Schluss legte Torvalds noch einen Patch auf, mit dem der etwa dreimonatige Urlaub von Tux wieder beendet wird [8].
Quellen:
[1] http://lkml.org/lkml/2009/4/2/637
[2] http://lkml.org/lkml/2009/4/27/346
[3] http://www.nilfs.org/
[4] http://www.open-osd.org
[5] http://www.freiesmagazin.de/freiesMagazin-2009-04
[6] http://www.linux-magazin.de/news/turbulente_updates_bei_reiserfs
[7] http://www.freiesmagazin.de/freiesMagazin-2008-06
[8] [git.kernel.org]
